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Foto © 2025, A&E Television Networks, LLC, Art Streiber

Warum lohnt sich ein neuer Blick auf den Zweiten Weltkrieg – gerade heute? Hollywoodstar Tom Hanks erklärt im Interview, weshalb die neue Dokumentation „Der Zweite Weltkrieg mit Tom Hanks“ mehr zeigt als bekannte Archivbilder: Sie erzählt von Entscheidungen, Haltung und Menschen, die Geschichte geschrieben haben.

Über den Zweiten Weltkrieg wurde viel erzählt. In Dokumentationen, Spielfilmen, Serien, Büchern und Zeitzeugenberichten ist der größte Konflikt des 20. Jahrhunderts immer wieder neu betrachtet worden. Und doch, sagt Tom Hanks, ist diese Geschichte längst nicht auserzählt.

Der Oscarpreisträger, der seit Jahrzehnten eine besondere Verbindung zu den Themen Zweiter Weltkrieg, Erinnerungskultur und historische Erzählung hat, begleitet die neue Dokumentarserie „Der Zweite Weltkrieg mit Tom Hanks“. Die Doku-Serie zeigt seltenes und teils bislang ungesehenes Archivmaterial, ordnet es historisch ein und fragt, was uns die Menschen jener Zeit heute noch zu sagen haben.

Für Hanks ist die Antwort eindeutig: Der Zweite Weltkrieg ist nicht nur Vergangenheit. Er ist ein Maßstab dafür, wie Menschen handeln, wenn Freiheit, Würde und grundlegende Rechte bedroht sind.

Eine Kindheit im Schatten der Kriegserinnerung

Tom Hanks wuchs in einer Zeit auf, in der der Zweite Weltkrieg zwar vorbei war, seine Spuren aber überall sichtbar blieben. Für die Erwachsenen in seinem Umfeld war der Krieg kein abstraktes Kapitel aus dem Geschichtsbuch. Er war Teil ihrer Biografie.

„Als ich jung war, ein Kind, hatte jeder Erwachsene in meinem Umfeld eine ganz eigene Perspektive auf den Krieg“, erinnert sich Hanks. „Sie sprachen darüber, als wäre es eine große Seuche oder eine gewaltige Flut gewesen. Ihr Leben teilte sich in drei Abschnitte: vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg.“

Diese Erzählungen prägten ihn. Der Krieg war in Gesprächen, Filmen, Musik, Fernsehsendungen und Dokumentationen präsent. Hanks beschreibt eine Alltagskultur, in der nahezu jede öffentliche Person, jeder Lehrer, jeder Vater eines Freundes eine Verbindung zu dieser Zeit hatte.

„Manche waren einfach nur Kinder gewesen, andere hatten gedient, waren an der Front oder in Uniform im Einsatz“, sagt er. „Sie erzählten davon, als wäre ihr Leben für eine unbestimmte Zeit eingefroren gewesen.“

Heute wissen wir, wann der Krieg begann und wann er endete. Doch für die Menschen, die ihn durchlebten, gab es diese Gewissheit nicht. Hanks betont genau diesen Punkt: Wer zwischen den späten 1930er-Jahren und 1945 lebte, wusste nicht, ob der Krieg in wenigen Monaten oder erst in vielen Jahren enden würde.

„Viele gingen davon aus, dass der Krieg noch zehn oder 15 Jahre dauern könnte“, sagt er. „Das war realistisch.“

Geschichten, die hängen bleiben

Schon früh interessierte sich Hanks für Dokumentationen und historische Erzählungen. Geschichte war für ihn nicht trocken oder fern, sondern unmittelbar. Viele Menschen, denen er begegnete, hatten sie selbst erlebt.

Eine Geschichte aus seiner Highschool-Zeit ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Sein Trigonometrielehrer hatte im Krieg gedient und erzählte von einem Flug in einer B-17 von San Francisco über Honolulu nach Pearl Harbor. Die Maschine geriet in dichten Nebel, die Besatzung glaubte, sie werde den Landeplatz nicht erreichen.

„Sie glaubten, der Treibstoff würde ausgehen und sie müssten irgendwo im Pazifik notlanden“, erzählt Hanks. Doch der Navigator blieb sicher: „Wir sind auf Kurs. Wir sind auf Kurs.“

Das Flugzeug sank weiter, ohne dass die Besatzung wusste, wo genau sie sich befand. „Sie sahen nichts außer Wolken, wussten weder ihre genaue Höhe noch ihre Position oder ihren Kurs. Und dann – plötzlich – durchbrachen sie die Wolkendecke, und direkt vor ihnen lag die Landebahn.“

Für Hanks waren es solche Erzählungen, die Geschichte lebendig machten. Nicht als Ansammlung von Jahreszahlen, sondern als menschliche Erfahrung: Angst, Orientierungslosigkeit, Vertrauen, Glück, Können – und manchmal Überleben um Haaresbreite.

Hinzu kamen prägende Filme und Serien wie „The World at War“, „Combat“, „Kelly’s Heroes“ oder „Gesprengte Ketten“. Der Zweite Weltkrieg wurde für Hanks zu einer großen Erzählung voller menschlicher Dramen, moralischer Fragen und historischer Tragweite.

 
Neue Doku-Reihe

Der Zweite Weltkrieg mit Tom Hanks

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Warum jetzt noch eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg?

Die naheliegende Frage stellt Hanks selbst: Warum jetzt?

Seine Antwort beginnt beim Material. „Der Zweite Weltkrieg mit Tom Hanks“ greift nicht einfach auf die immer gleichen Bilder zurück, die seit Jahrzehnten in Dokumentationen zu sehen sind. Die Doku-Serie zeigt Archivaufnahmen, die vielen Zuschauerinnen und Zuschauern unbekannt sein dürften, und ordnet bekannte Momente neu ein.

„Zum einen, weil es unglaublich viel Filmmaterial gibt, das wir noch nie gesehen haben“, sagt Hanks. „Es gibt neue Szenen und Bilder – und sie werden stärker in den Kontext ihrer Zeit eingebettet.“

Gerade dieser Kontext ist entscheidend. Oft kennen wir einzelne ikonische Aufnahmen: Soldaten an einem Strand, Panzer in einer Stadt, Menschen in Trümmern, Politiker auf Podien. Doch was geschah unmittelbar davor? Was danach? Welche Entscheidungen, Zufälle und Konsequenzen stecken hinter einem scheinbar vertrauten Bild?

Hanks beschreibt den Effekt so: „Wenn man diese neuen Bilder sieht, versteht man nicht nur den Moment selbst, sondern auch, was davor geschah und was danach folgte. Das ist eine Form des Erzählens, die nicht mehr nur beschreibt, sondern zeigt, was passierte. Das ist entscheidend.“

Geschichte als moralischer Kompass

Für Hanks liegt die Bedeutung der Doku-Serie jedoch nicht allein im seltenen Archivmaterial. Es geht ihm um mehr: um das Beispiel der Menschen, die damals Entscheidungen treffen mussten.

„Der Grund, warum wir uns 2025 noch einmal damit beschäftigen sollten, liegt im Beispiel, das die Menschen von damals uns geben“, sagt er.

Der Zweite Weltkrieg zwingt bis heute zu grundsätzlichen Fragen: Wie verhalten sich Menschen, wenn Unrecht geschieht? Wann reicht Wegsehen nicht mehr aus? Was bedeutet Freiheit, wenn sie bedroht wird? Und woran erkennt man in einer historischen Ausnahmesituation richtig und falsch?

„Der einzige Maßstab dafür, wer wir sind – ob wir Helden oder Täter sind – liegt in unserem Verhalten“, sagt Hanks. „Genau deshalb sollten wir uns mit dem Zweiten Weltkrieg befassen.“

Für ihn war der Krieg auch ein Kampf gegen Ideologien, die auf Unterwerfung, rassischer Überlegenheit und der Abschaffung grundlegender Rechte beruhten. Hanks spricht von einem Moment, in dem genug Menschen erkannten, dass Neutralität gegenüber Tyrannei keine Option mehr war.

„Ein großer Teil der Welt hätte den Nationalsozialismus ignorieren können“, sagt er. Ebenso hätte man das japanische Kaiserreich ignorieren können. „Aber es gab einen anderen Teil der Welt – den Westen –, der von einem klaren Verständnis von richtig und falsch geprägt war.“

Diese Menschen hätten erkannt: „Das, was hier geschieht, ist falsch. Es widerspricht allem, wofür wir stehen. Es bedeutet die systematische Abschaffung grundlegender Rechte.“

Der Blick zurück ist keine Nostalgie

Hanks spricht nicht von Geschichte als sentimentaler Rückschau. Im Gegenteil: Für ihn ist der Blick zurück eine Form der Orientierung. Die Vergangenheit liefert keine einfachen Antworten auf die Gegenwart, aber sie zeigt, welche Folgen Entscheidungen haben können – und was geschieht, wenn Freiheit und Menschenrechte nicht verteidigt werden.

„Die Welt ist ein besserer Ort, wenn alle Menschen als Träger unveräußerlicher Rechte betrachtet werden“, sagt Hanks. In den USA, so führt er aus, seien das etwa Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit gewesen.

Diese Werte hätten jenen Teil der Welt geprägt, der sich entschied, gegen Tyrannei zu kämpfen. Denn, so Hanks: „Machen wir uns nichts vor: Das japanische Kaiserreich wollte seine Region versklaven. Nazi-Deutschland wollte alle unterwerfen, die es eroberte – und tat das auch, über Jahre hinweg.“

Erst als genügend Demokratien entschieden widersprachen, habe sich das Blatt gewendet: „Nein, ihr könnt uns nicht unsere grundlegenden Freiheiten nehmen.“

Darum, sagt Hanks, lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg bis heute: „Nicht aus Nostalgie, sondern als Orientierung: Wie sollten wir leben? Woran erkennen wir richtig und falsch?“

Was Tom Hanks selbst gelernt hat

Auch Hanks, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt und an Produktionen wie „Der Soldat James Ryan“, „Band of Brothers“, „The Pacific“, „Masters of the Air“ und „Greyhound“ beteiligt war, sieht in der neuen Doku-Serie Aspekte, die sein eigenes Verständnis erweitert haben.

Ein Beispiel ist der Italienfeldzug.

„Eine Sache, die ich besonders aus dieser Serie gelernt habe, ist, wie hart und zermürbend etwa der Italienfeldzug war“, sagt Hanks. „Stell dir vor, du bist anderthalb Jahre lang durchnässt, im Schlamm, ständig unter Beschuss. Das ist die Realität.“

Solche Details machen die Doku-Serie stark: Sie zeigt nicht nur große strategische Wendepunkte, sondern auch die körperliche, psychische und moralische Belastung der Menschen, die den Krieg erlebt haben. Geschichte wird hier nicht abstrakt, sondern konkret. Kälte, Schlamm, Angst, Hunger, Erschöpfung – all das gehört zur Realität des Krieges ebenso wie Karten, Daten und Frontverläufe.

Was die Zuschauerinnen und Zuschauer mitnehmen sollen

Am Ende geht es Hanks um Erkenntnis. Nicht um die Illusion, der Zweite Weltkrieg sei einfach zu verstehen. Sondern um die Einsicht, dass hinter der ungeheuren Komplexität des Krieges oft sehr klare moralische Fragen standen.

„Was ich mir wünsche, ist, dass Menschen – egal welcher Generation – aus solchen Geschichten mitnehmen: ‚Ich wusste nicht, dass es im Kern so einfach ist‘“, sagt er.

Natürlich, fügt er hinzu, gebe es unzählige Details: „Wie gefährlich es war, was Menschen dazu brachte, alles zu riskieren, um die Welt zu retten. Was es gekostet hat. Wie lange es gedauert hat.“

Genau darin liegt die Kraft von „Der Zweite Weltkrieg mit Tom Hanks“: Die Doku-Serie verbindet seltenes Archivmaterial mit historischer Einordnung und einer Erzählweise, die nicht nur informiert, sondern begreifbar macht. Sie zeigt, dass Geschichte nicht aus der Ferne betrachtet werden sollte, sondern durch die Menschen, die sie erlebt haben – und durch jene, die sie heute verantwortungsvoll weitererzählen.

Oder, wie Hanks es formuliert: Diese Erfahrung lasse sich nur verstehen „durch die Menschen, die sie erlebt haben – und durch diejenigen, die sie heute erzählen. Gute Erzähler, die sich nicht nur auf Meinungen stützen, sondern auf unumstößliche Fakten. Auf das, was tatsächlich geschehen ist.“

„Der Zweite Weltkrieg mit Tom Hanks“ seht ihr ab 29. Mai immer freitags um 20.15 Uhr auf The HISTORY Channel. Zusätzlich stehen die Episoden nach der TV-Ausstrahlung auf Abruf zur Verfügung.