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In den frühen 1960er Jahren nahmen 13 bahnbrechende amerikanische Frauen an einem geheimen Programm teil, um Amerikas erste weibliche Astronautin zu werden. Obwohl die erfahrenen Pilotinnen dieselben physiologischen Tests bestanden, die auch die sieben Mercury-Astronauten durchliefen, beendete die NASA das wenig bekannte "Woman in Space"-Programm abrupt, bevor die Teilnehmerinnen jemals den Boden verlassen konnten. Die "Mercury 13" mögen das richtige Zeug gehabt haben, aber für die NASA waren sie das falsche Geschlecht. 

 

NASA: Anfänge

Als die NASA 1959 ihr erstes Astronautenkorps einführte war es ein reiner Männerclub. Frauen waren zwar nicht ausdrücklich von den "Mercury Seven" ausgeschlossen, aber die Anforderung der NASA, dass Astronauten erfahrene Testpiloten für Militärflugzeuge sein mussten – ein Job, der nur Männern offenstand – verhinderte praktisch ihre Auswahl. 

Raumfahrtmediziner wie Brigadegeneral Donald Flickinger von der Air Force und Dr. Randy Lovelace, ein Auftragnehmer der NASA, der die offiziellen körperlichen Untersuchungen der Mercury-Kandidaten durchführte, waren jedoch der Meinung, dass Frauen als Astronauten den Männern sogar vorzuziehen seien, da sie im Durchschnitt leichter und kleiner sind und weniger Nahrung und Sauerstoff verbrauchen ­– ein Vorteil, wenn jedes Pfund entscheidend für die Kosten und die Durchführbarkeit eines Raumfluges ist. Außerdem hatten Tests ergeben, dass Frauen strahlungsresistenter und weniger anfällig für Herz-Kreislauf-Probleme sind. 

 

Erste Kandidatin: Jerrie Cobb

Nach einer zufälligen Begegnung fanden Flickinger und Lovelace die perfekte Kandidatin, um eine angehende Astronautin zu testen. Wie viele junge Piloten zu Beginn des Weltraumzeitalters hatte Jerrie Cobb Sterne in ihren Augen. Im Alter von 18 Jahren hatte Cobb bereits eine Lizenz als Verkehrspilotin und flog Strecken von Kalifornien bis Paraguay, als die Associated Press 1955 über die 24-jährige "Pilotin" berichtete. Fünf Jahre später hatte Cobb insgesamt 10.000 Stunden im Cockpit verbracht, doppelt so viel wie der Mercury-Astronaut John Glenn beispielsweise. 

Im Februar 1960 reiste die 29-jährige Cobb in Lovelaces Privatklinik in Albuquerque, New Mexico, als erste Teilnehmerin seines geheimen "Woman in Space"-Programms, das nicht von der NASA genehmigt war. Sie unterzog sich denselben zermürbenden Tests wie die Mercury Seven. Forscher schütteten ihr Eiswasser in die Ohren, um Schwindel zu simulieren, und steckten ihr einen drei Fuß langen Gummischlauch in den Hals, um die Magensäure zu testen. Sie wurde mit Nadeln gestochen und in Wasser und Dunkelheit getaucht, um eine sensorische Isolation zu simulieren. 

Cobb bestand nicht nur alle drei Phasen des Screening-Programms, sondern übertraf bei einigen Tests sogar die männlichen Astronauten. Als Lovelace im August 1960 die Testergebnisse bekannt gab, wurde Cobb zu einer Mediensensation. Sie erschien in der Zeitschrift Life, und die Zeitungen diskutierten darüber, ob sie die angehende Raumfahrerin als "Astronautrix", "Astronette" oder "Astronautin" bezeichnen sollten. 

 

Entstehung der "Mercury 13"

Um zu sehen, ob sich Cobbs Ergebnisse wiederholen ließen, rekrutierte Lovelace zwei Dutzend weitere erfahrene Pilotinnen - von der 21-jährigen Fluglehrerin Wally Funk bis zur 39-jährigen Janey Hart, einer Mutter von acht Kindern und Ehefrau von Senator Philip Hart, die nach New Mexico kommen sollten. Die berühmte Fliegerin Jackie Cochran, die als erste Frau die Schallmauer durchbrach, verwendete einen Teil des Geldes aus ihrem erfolgreichen Kosmetikgeschäft, um das privat geführte Programm zu finanzieren. Wie bei Cobb übertrafen die Frauen die Männer bei zahlreichen medizinischen Tests und Untersuchungen. Funk, die mit Flugzeugen statt mit Puppen aufgewachsen war, verbrachte mehr als 10 Stunden im Isolationstank - mehr als jeder andere Astronautenanwärter, ob Mann oder Frau. 

Ein Dutzend Frauen, die Cobb "Fellow Lady Astronaut Trainees" (FLATs) nannte, bestanden das Screening. Die später als "Mercury 13" bezeichneten angehenden Astronautinnen bereiteten sich in einer Navy-Einrichtung in Pensacola, Florida, auf die Simulation von Raumflügen vor. Wenige Tage vor der Abreise teilte Lovelace jedoch mit, dass die Tests abrupt abgebrochen worden waren, nachdem die Navy erfahren hatte, dass sein Programm nicht von der NASA gesponsert wurde. 

 

 

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Ein Programm mit wenig Gegenliebe

Nachdem die NASA das Programm "Frauen im Weltraum" eingestellt hatte, trafen Cobb und Hart im März 1962 persönlich mit Vizepräsident Lyndon Johnson zusammen, um sich für die Wiederaufnahme des Programms einzusetzen. Laut dem Buch von Stephanie Nolen "Promised the Moon: The Untold Story of the First Women in the Space Race" („Die unerzählte Geschichte der ersten Frauen im Wettlauf um den Weltraum“) entwarf Johnsons Adjutantin Liz Carpenter einen Brief an die NASA, in dem sie fragte, warum Frauen nicht als Astronautinnen eingesetzt werden könnten. Nach einem Treffen mit Cobb und Hart griff Johnson zum Stift, aber anstatt den Brief zu unterschreiben, kritzelte er: "Lasst uns das jetzt beenden!" 

Cobb und Hart erging es auf dem Capitol Hill nicht besser, als sie im Juli 1962 vor einem Unterausschuss des Kongresses aussagten. "Wir wollen nur einen Platz in der Zukunft unserer Nation im Weltraum, ohne Diskriminierung", sagte Cobb, die in Berichten der United Press International als "attraktive 31-jährige Astronautenanwärterin" bezeichnet wurde. "Es gab Frauen auf der Mayflower und auf den ersten Planwagenzügen nach Westen, die an der Seite der Männer arbeiteten, um neue Wege zu neuen Aussichten zu bahnen. Wir bitten um diese Gelegenheit bei der Pionierarbeit im Weltraum." 

"Ich denke, dass unsere Gesellschaft aufhören sollte, die Frau zu verachten, die versucht, Familienleben und Karriere zu vereinbaren", sagte Hart den Gesetzgebern. "Let's face it: Für viele Frauen ist die PTA einfach nicht genug." 

Fünf Monate, nachdem er als erster Amerikaner die Erde umrundet hatte, wurde er noch immer mit Lob überschüttet. Glenn unterstützte die Position der NASA, dass ein neues Ausbildungsprogramm für Frauen das Ziel gefährden würde, einen Amerikaner vor Ende des Jahrzehnts auf dem Mond zu landen. Glenn sagte den Gesetzgebern darüber hinaus, dass er zwar glaube, dass Frauen die Fähigkeiten hätten Astronauten zu werden, "aber ich denke, dass dies auf die Art und Weise zurückgeht, wie unsere Gesellschaftsordnung organisiert ist, wirklich. Es ist einfach eine Tatsache. Die Männer ziehen los, um Kriege zu führen und Flugzeuge zu fliegen und kommen zurück, um bei der Entwicklung, dem Bau und dem Testen von Flugzeugen zu helfen." 

Die Mercury 13 fand im Kongress ebenso wenig Unterstützung wie im Weißen Haus, wenn es darum ging, dass Frauen Astronauten oder militärische Testpiloten werden wollten. Die NASA stellte Cobb als Beraterin für Frauenfragen ein, gab ihr dann jedoch wenig zu tun. "Ich bin die am wenigsten konsultierte Beraterin in einer Regierungsbehörde", schimpfte sie nach einem Jahr in diesem Job. Ihre Frustration wuchs noch weiter als die sowjetische Kosmonautin Valentina Tereschkowa 1963 als erste Frau ins All flog. Als Cobb ihre Stelle bei der NASA aufgab, war sie dem Weltraum wohl am nächsten gekommen als sie mit einer Mercury-Raumkapsel für Zeitungsfotografen posierte. 

 

Eileen Collins

Als Neil Armstrong nach der Mondlandung im Juli 1969 einen kleinen Schritt für einen Mann - und nicht für eine Frau - machte, war Cobb tief im Dschungel des Amazonas und nutzte ihre Pilotenfähigkeiten, um Lebensmittel, Medikamente und humanitäre Hilfspakete an Dörfer zu liefern - eine Arbeit, für die sie später für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Erst 1983 flog mit Sally Ride eine Amerikanerin ins All. 1995 versammelten sich acht der elf überlebenden FLATs, darunter auch Cobb, um mitzuerleben, wie Eileen Collins als erste weibliche Kommandantin einer Raumfähre in den Weltraum flog - ein Traum, der den Vorreitern verwehrt blieb, Collins aber durch deren Bemühungen ermöglicht wurde. 

 

 

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